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agent orange
06.11.2003, 19:52
"Paintball, eine neue Leidenschaft in Serbien
Ein bisschen ist es wie Krieg mit der Farbkanone

Ob das wirklich ein Sport ist oder Ersatz für ganz andere Leidenschaften, darüber mag man streiten. Aber Paintball, mit Farbkugeln auf andere Menschen zu schießen, hat in Serbien Hochkonjunktur.

Von Gemma Pörzgen, Belgrad

Zwei Männer in Militär-Overalls stürmen über das dunkle Parkdeck. Dumpfe Schüsse erschüttern die Stille und verhallen zwischen den graffitiverschmierten Betonwänden. Die Männer schießen, schreien und suchen Deckung hinter einem Baumstumpf, der wie ein militärischer Unterstand drapiert ist. Wieder fallen Schüsse. "Ich bin tot", schreit ein Mann und sucht fluchend das Weite. Mit erhobenen Armen verlässt er das mit einem Militärnetz abgezäunte Terrain und zieht sich den Schutzhelm vom Kopf. Lachend empfangen ihn zwei Zuschauer. Einer hat seinen zehnjährigen Sohn mitgebracht. "In vier Jahren kann er mitspielen", meint der Vater.

Der 15-jährige Nemanja Mihailovic ist zum ersten Mal da. "Es gefällt mir zu schießen", sagt der schlaksige Junge. Er ist stolz und aufgeregt, weil er heute in der Männergesellschaft dabei sein darf. Nemanja wurde bei der Ballerei mit Farbmunition am Knie getroffen, wie ein grüner Farbklecks verrät. Die erste Runde des kriegerischen Spiels ist vorbei. Alle sind außer Atem, schlagen sich auf die Schultern und diskutieren über den Spielverlauf. Die Stimmung ist fröhlich und entspannt. Es riecht nach Schweiß.

Treffpunkt an diesem Abend ist eine verlassene Hochgarage an der Belgrader Autobahn. Es ist dunkel, ein wenig unheimlich. Deckenlampen erleuchten den zweiten Stock nur spärlich. Hier befindet sich der erste Paintballklub in Belgrad, die Arena No. 1. Inhaber Milos Dimitrijevic bietet seit drei Jahren auf drei Etagen des Parkhauses mehr als 2000 Quadratmeter Spielfläche für den neuen Trendsport. Sein Geschäftspartner hatte die Idee aus den Vereinigten Staaten mitgebracht. Dort ist Paintball schon seit den siebziger Jahren etabliert.

"Das ist wirklich ein Sport und hat nichts mit Krieg zu tun", versichert Dimitrijevic, der den Klub neben seinem eigentlichen Beruf als Programmierer betreibt. "Aber natürlich gibt es Leute, die das in ihrem Kopf haben", sagt er. "Ich propagiere die sportliche Seite." Dimitrijevic hat mitbekommen, dass diese Art der Freizeitbeschäftigung beispielsweise in Deutschland heftig umstritten ist, zeigt aber wenig Verständnis für die Argumente der Kritiker. "Es ist in der männlichen Psyche verankert, dass sie so etwas lieben", meint er.

Frauen verirren sich selten hierher. "Aber wenn Frauen kommen, sind sie oft besser und taktischer als die Männer", erzählt der Mitarbeiter Uros Ristic, während er die Luftdruckpistolen für die nächste Runde mit neuen Gelatinekugeln füllt. Frauen wird eine Schutzweste empfohlen, die empfindliche Stellen vor Treffern schützt. Mit den Waffen könne man auf 20 Meter zielgenau treffen. "Ziel des Spiels", sagt er, "ist die Ausschaltung des Gegners. Aber es ist mehr ein Spiel unter Freunden als ein Kriegsspiel."

Es gibt etwa 30 Paintballklubs in Serbien, von denen aber nur zwei oder drei als Sportklubs firmieren. Arena No. 1 war der erste Klub im Land, und die Inhaber mussten mehrere Ministerien für die Genehmigung einschalten. Seither bietet der Klub im Herbst und Winter das Parkhaus an. Im Sommer lockt ein Freiluftgelände im Belgrader Naherholungsgebiet an der Donau.

"Gleich kommt ein Deutscher, der ist ein begeisterter Spieler", kündigt Dimitrijevic an. Doch der deutsche Wirtschaftsberater ist zunächst peinlich berührt, als fühle er sich ertappt. Dann erzählt er, wie er im kriegszerstörten Bosnien Geschmack am Paintball gefunden habe. "Ich bin eigentlich Kriegsdienstverweigerer", sagt der kräftige Mittdreißiger, den die Arbeit auf den Balkan brachte. Aber in Bosnien habe ihn dieser Wettkampf in der freien Natur gereizt. Ein Mitspieler habe ihm damals gesagt, dass die echten Kugeln im Bosnienkrieg genauso geklungen hätten. "Mich hat es fasziniert, mich unter realen Bedingungen, aber ohne Risiko zu erproben." Der Wirtschaftsberater räumt ein, dass es ein wenig seltsam sei, in einem Land Krieg zu spielen, in dem noch vor wenigen Jahren Krieg geherrscht habe. "Aber es ist ein Vorurteil, dass wir alle Militärfetischisten sind", sagt er. "Es ist eben auch eine Möglichkeit, sich nach einem Tag im Büro abzureagieren."

Die Trierer Soziologin Linda Steinmetz plädiert mit ähnlichen Argumenten für eine Akzeptanz des Sports. "Paintballer sind in ihren Alltagszusammenhängen keineswegs aggressiv", meint sie. Die Gewalt sei nur gespielt, schreibt Steinmetz und warnt vor einer Kriminalisierung der Szene. Die Spieler suchten vielmehr in einer durch den Zivilisationsprozess gefahrlos und langweilig gewordenen Welt Spannung und Nervenkitzel, indem sie Kampfsituationen simulieren.

"Ich finde es schon aufregend beim Zuschauen", sagt der Nachbar, der mit seinem Sohn auf die nächste Runde wartet. Er nutzt die Pause, um den Jungen einmal gegen die Wand schießen zu lassen. Zurück bleibt ein greller grüner Farbklecks. Beim Spiel sei die militärische Ausbildung, die bis heute alle serbischen Männer durchlaufen, vor allem für die Spielstrategie nützlich, erzählt der Mann. Er selbst habe im Kosovokrieg gekämpft. Und dann sagt er nachdenklich: "Wissen Sie, das serbische Volk ist ein Kriegsvolk, wir lieben auf dem Balkan die Waffen. Vielleicht ist es besser, seine Aggressionen hier loszuwerden statt in der Wirklichkeit."

Aktualisiert: 06.11.2003, 05:06 Uhr"

9of10
07.11.2003, 01:57
mmmh was soll ich davon halten liebe StZ, ich glaub ich sollte mal einen Leserbrief an meine Hauszeitung schicken, mit ein paar besseren Infos wobei sie haben es ja clever gelößt und über PB in Serbien geschrieben und nicht über PB in Deutschland - trotzdem aber diese deutsche Soziologin zitiert ....
Mal gucken ob die einen offenen objektiven Bericht über Paintball als Tunier Sportart schreiben.

Ach 3D/Flo war das eigentlich der Paintballclub in Serbien wo Du vor kurzem warst????

ThreeD
07.11.2003, 03:27
Wieee geil. Milós, habe ich getroffen und jetzt ist er in einer deutschen Zeitung. Ich denke, das der Bericht von dem "Pressetag" herrührt, den Milós für Journalisten und Fernsehmoderatoren aus Belgrad und Serbien veranstaltet hat.

An diesem Tag waren meine Kleine und ich auch vorort und ich habe ca. 40 Fotos geschossen und mit Milós über seine Spielfelder und über die Entwicklung von Paintball in Serbien und speziell natürlich in Belgrad gesprochen.

Ich habe Euch ja schon lange versprochen, diese Bilder und eine Dokumentation über die Spielfelder, Preise und Möglichkeiten für die es in Belgrad, gibt zu posten. Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, aber ich denke ich werde es im Laufe des heutigen Tages schaffen, endlich den Bericht ins Forum zu setzen.

Besonders vor dem Hintergrund, dieses aktuellen Threads.

Great stuff, thanks to Agent Orange!

Ich werde diesen Bericht gleich mal Milós zuschicken, der freut sich und wartet sowieso noch auf eine Antwort zu seiner letzten email.

IrrerIvan
07.11.2003, 10:14
positiv klingt der Bericht ja nicht gerade ... :doubt:
Auch wenn es einige gute Stellen gibt. Jedoch die rauszufinden ohne so einen bericht kritisch zu lesen dürfte schwierig sein . Mal sehen ob Bad Rappenau dadruch Probs kriegt wenn da wieder ne Disskusion losbricht ...
Also das meine Heimzeitung doch so komische Berichte schreibt erschüttert mich etwas ... sie könnten ja noch n vergleich bringen mit eben diesem " Kriegspaintball" und Rappenau als Deutsches Subair Paintball.
Jedoch haaben die auch recht .. ob ich in nem Land paintball spielen würde wo noch vor ein paar jährchen krieg war , und dann auch noch in Kriegsuniform, würde ich stark bezweifeln !
naja ..

obmiT
07.11.2003, 12:26
Baumstümpfe aufm Parkdeck???????
:D

manuel0102
19.11.2003, 15:52
Ein Mitspieler habe ihm damals gesagt, dass die echten Kugeln im Bosnienkrieg genauso geklungen hätten. "Mich hat es fasziniert, mich unter realen Bedingungen, aber ohne Risiko zu erproben."

Schwachsinn. Tut mir leid das so zu sagen.. aber meine hört sich nicht an wie n G3 geschweige denn eine Kalaschnikow oder ein G 36. Ich denke dann hätte ich vom in der Halle spielen längst einen tinitus.

"Ziel des Spiels", sagt er, "ist die Ausschaltung des Gegners

In meinen Augen auch schwachsinn. Rambo und der Predator schalten Gegner aus. Ich hole Sie raus.

Auch wenn in dem Artikel viel gutes steht, so ist der Unterton des unwissenden Reporters ( sei nicht so gemeint, sollte er von oben so angewiesen worden sein um das image der Zeitung nichtzu schädigen) nicht zu überhören.

Ich denke es gibt für Ihn noch einiges nachzuholen.:silly:

NearEarthObjekt
19.11.2003, 16:05
Also ich finde den Bericht sehr gut.
Schade dass die Reporter nie selbst mal spielen und ihre Eindrücke formulieren.

Ansonsten stimme ich mit den Ausführungen überein.
Machen wir uns nichts vor. Paintballer nutzen Waffen und schießen auf Leute.

Aber es ist keine echte gewalt und erst Recht kein Krieg.

Es ist ein Spiel für Männer -

nicht mehr und nicht weniger.

gruss stephan schneider

ps die schlechte PR über das U21 Spiel in der Türkei zeigt doch wie sehr unsere Gesellschaft ein Ventil für ihren Trieb braucht